Dr. med. Jana Engel

Autismus/Asperger-Syndrom bei Erwachsenen

ADHS und Autismus/Asperger-Autismus

Eine der wichtigsten Differenzialdiagnosen, aber auch Begleiterkrankungen der ADHS bei Erwachsenen, ist der Autismus oder das Asperger-Syndrom. Da eine Fehldiagnose, aber auch ein gemeinsames Vorliegen, einen großen Einfluss auf die weitere Therapie hat, ist es wichtig, sich auch mit diesem Krankheitsbild genauer auseinanderzusetzen.

Ungefähr 1% der Bevölkerung ist von einem Autismus oder Asperger-Syndrom betroffen. Bis zu 80% der betroffenen Kinder erfüllen die Kriterien einer ADHS. Umgekehrt zeigen bis zu 50% der Kinder mit ADHS Symptome eines Autismus.

Menschen mit Autismus leiden ebenso wie Menschen mit ADHS häufig unter Unruhe, Aufmerksamkeitsstörungen und Impulsivität. Jedoch sind dies, im Gegensatz zur ADHS, Begleiterscheinungen. Sie resultieren aus der großen Reizoffenheit der Betroffen. Menschen mit einem Autismus nehmen in der Regel Geräusche, Licht, Berührungen, ja sogar Geschmack und Geruch, intensiver war als die sogenannten „Neurotypischen“. 

Durch diesen „sensory overload“, also den übermäßigen Einfluss von Reizen, kommt es nicht selten zu einer völligen Überforderung, die sich in einer gesteigerten Aktivität, sowie, im ungünstigsten Fall, in Wutausbrüchen oder emotionalen Zusammenbrüchen im Sinne von Weinattacken äußert. Und auch der sogenannte „Hyperfokus“, das heißt die Einengung auf eine spezielle Aktivität, in der sich die Betroffenen völlig verlieren und nicht mehr ansprechbar wirken, kommt bei beiden Erkrankungen vor. So geschieht es nicht selten, dass Symptome aus dem Spektrum einer autistischen Störung als Impulsivität und Hyperaktivität einer ADHS fehlgedeutet werden.

Schwierig wird es, wenn beide Störungsbilder zusammenkommen. Dann ist eine klare Differenzierung der Symptome oft nur sehr schwer möglich. Oftmals werden autistische Symptome durch Symptome der ADHS überdeckt und umgekehrt. 

Nehmen wir zum Beispiel die Desorganisation der ADHS und das Bedürfnis nach Routinen des Autismus. Menschen mit einem Asperger-Syndrom haben den (zum Teil unbewussten) Wunsch nach gleichen Abläufen, Routinen und Ordnung. Viele haben auch ein großes Problem mit Unpünktlichkeit. Dies kann sich positiv auf die häufig bei ADHS vorkommende Desorganisation und Unpünktlichkeit auswirken, so dass diese kaum in Erscheinung tritt.

Auf der anderen Seite kann jedoch auch das genaue Gegenteil passieren. Die Symptome der Desorganisation ADHS führen zu einem vermehrten Leidensdruck, da sie konträr zu den Bedürfnissen des Autismus sind. Wenn das Organisieren einfach nicht gelingt, die Routinen nicht aufrecht erhalten werden können, steigt dadurch der Leidensdruck ins Unermessliche. Zum Teil „hilft“ eine ADHS auf den ersten Blick auch, besser im sozialen Alltag zurechtzukommen. Durch die Impulsivität kommen die Betroffenen besser in den Kontakt mit ihrem Umfeld, sie sind neugieriger und eher bereit, Risiken einzugehen. Dies darf jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass es genauso viel Kraft kostet und oft nur nach außen hin so wirkt. 

Egal, ob ADHS, Asperger-Autismus oder beide Erkrankungen, die Kompensationsstrategien sind zahlreich und verdecken die Symptome. Die Folgen sind weitere Erkrankungen oder Fehldiagnosen wie Zwangsstörung, soziale Phobie oder Borderline-Persönlichkeitsstörung. Deswegen ist es wichtig, genau hinzuschauen, um den Teufelskreis zu durchbrechen und die geeigneten Therapien zu ergreifen.